Bestäubungsstrategien von Pflanzen mit unscheinbaren Blüten
![]() Foto: Breder Die Hasel ist windblütig und eingeschlechtlich: Die Kätzchen bestehen aus rein männlichen Blüten, die weiblichen Blüten sind klein mit roten Narben |
Rot, Orange, Gelb oder Violett – häufig spielt die Farbe der Blüte eine wichtige Rolle, ob wir eine Pflanze in unserem Garten haben wollen oder nicht. Während es uns in erster Linie um unser ästhetisches Empfinden geht, haben Blütenfarben in der Natur die Funktion, tierische Bestäuber anzulocken (biotische Bestäubung). Was aber machen diejenigen Pflanzen, die keine auffälligen Blüten besitzen? Wie sichern sie ihre Bestäubung und damit den Fortbestand ihrer Art?
„Vom Winde verweht“
Betrachtet man die Nadelgehölze insgesamt, so fällt auf, dass die meisten sehr kleine, unauffällige Blüten besitzen. Und auch Nektar und Duft fehlen. Der Grund dafür liegt in der so genannten abiotischen Bestäubung. Nadelbäume sind „windblütig“, das heißt, sie nutzen keine Insekten oder sonstigen Tiere als Bestäuber, sondern lassen ihren Pollen vom Wind verwehen (Anemogamie).
Viele Pollen notwendig
Oftmals können sich nur diejenigen Arten eine solch „ungerichtete“ Pollenverbreitung leisten, die an ihrem natürlichen Standort in großer Individuendichte vorhanden sind. Nadelgehölze stehen normalerweise in Wäldern mit vielen anderen ihrer Art zusammen. Gleiches gilt für einige windblütige Laubgehölze wie Eichen (Quercus), Buchen (Fagus), Hainbuchen (Carpinus), Birken (Betula), Pappeln (Populus), Erlen (Alnus) oder Haselsträucher (Corylus).
„Schlau“ ist es dabei, eine möglichst große Menge an Pollen „in den Wind zu schicken“, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der Pollen auf eine weibliche Blüte der gleichen Art gelangt. So produziert z.B. ein einziges Kätzchen eines Haselstrauches 200 Millionen Pollen.
Foto: Spohn Auch Gräser sind windblütig und können sich daher unauffälligere Blüten leisten. Beim Wiesen-Fuchsschwanz (Alopecurus pratensis) blühen zuerst die männlichen Blüten (li.), dann die weiblichen Blüten (re.) einer Pflanze, um einer Selbstbestäubung vorzubeugen. |
Auch Gräser sind windblütig und häufig in großer Individuendichte vorhanden. Dass auch von ihnen zur Blütezeit eine Unmenge an Pollen in der Luft ist, kann jeder Heuschnupfen-Geplagte bezeugen, der durch eine blühende Wiese läuft. Da heißt es dann nur noch „Hatschi!“
Freier Flug für „Gentransporter“
Von Vorteil ist es auch, die Pollen vor dem Laubaustrieb zu verbreiten, denn die eigenen Blätter können den freien Flug der kleinen „Gentransporter“ behindern. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Hasel, die als eines der frühesten Laubgehölze im Jahr blüht. Erst nach der Blüte entwickelt sie ihre Blätter.
Bei vielen windblütigen Arten ist außerdem die Narbe der weiblichen Blüte federig ausgebildet, um möglichst viele Pollen einfangen zu können. Der Pollen selbst ist leicht und klein und z.T. mit Luftsäcken versehen, die das Flugvermögen steigern.
Eingeschlechtliche Blüten verhindern Selbstbestäubung
Viele windblütige Arten sind zudem eingeschlechtlich, d.h. die Blüte enthält entweder nur Staubblätter oder nur Narben bzw. Fruchtknoten. Sonst würden nämlich die Narben ganz schnell mit eigenem Pollen bestäubt (Selbstbestäubung), und fremde Pollen fänden keinen Platz mehr. Damit entfiele auch die Möglichkeit, dass sich Gene neu zusammenfinden (Rekombination). Selbstbestäubung ist zwar im Pflanzenreich auch verbreitet, aber nicht immer erwünscht.
Eingeschlechtliche Blüten besitzt z.B. die schon erwähnte Hasel. Die Kätzchen mit den gelben Staubblättern sind rein männlich, die weiblichen Blüten sind klein mit roten Narben (wer genau hinsieht, kann sie an dem Zweig auf dem Foto erkennen).
Wasser als Transportmittel
Foto: Spohn Nur wenige Wasserpflanzen nutzen ausschließlich Wasser für die Pollenverbreitung. Laichkrautarten, hier das Glänzende Laichkraut (Potamogeton lucens), schicken ihre Pollen über Wasser, Wind und Tier auf den Weg. |
Was der Wind kann, kann auch das Wasser, doch die Wasserbestäubung (Hydrogamie), die auch zur abiotischen Bestäubung gehört, ist selten. Im Vergleich: 95 % der abiotischen Bestäubung erfolgt über den Wind, 5% über das Wasser.
Bei der Wasserbestäubung werden die Pollen entweder an der Wasseroberfläche oder unter Wasser übertragen. Das Hornblatt (Ceratophyllum) ist eine der wenigen Arten, die ausschließlich die Wasserbestäubung zur Fortpflanzung nutzen.
Andere Wasserpflanzen lassen ihre Pollen zwar auch übers Wasser verbreiten, schicken ihre Pollen aber zusätzlich noch per Wind und/oder Tier auf den Weg. Der Sumpf-Wasserstern (Callitriche palustris) ist z.B. wind- und wasserbestäubt, die Laichkrautarten (Potamogeton) nutzen alle Möglichkeiten: Wasser, Wind und Tier.
Übrigens: Im Verlauf der Evolution war die abiotische Bestäubung zuerst da. Sie ist quasi der „Vorläufer“ der biotischen Bestäubung, die sich durch gegenseitige Anpassungen von Blüte und Bestäuber entwickelt hat.
Christiane Breder
Stand:01.04.2006








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