Gartenpraxis Gut zu wissen Naturkunde Die Eiche – eine spannende Baumbiografie

Die Eiche – eine spannende Baumbiografie

 
Foto: Roßbeck 
Früher durften sich
"Hausschweine"
mit Eicheln den Magen vollschlagen
Wer hat noch nicht von heiligen Eichenhainen, von Thing-, Gerichts- und Friedenseichen gelesen und gehört? Wie kein anderer Baum nötig(t)en Stieleiche (Quercus robur ssp. robur) und Traubeneiche (Quercus petraea ssp. petraea) gestrigen und heutigen menschlichen Lebewesen konsequent Respekt ab: Unsere germanischen Vorfahren weihten die Bäume dem Donnergott Thor. In der Vorstellungswelt antiker Römer standen sie mit Zeus, dem Blitze schleudernden Göttervater, in enger Verbindung.

Dennoch (oder gerade deshalb?) sind Eichen dem Volksglauben nach bei Gewittern strikt zu meiden. Wie es mit dieser Warnung zu halten ist? Sagen wir einmal so: Auf keinen Fall kann es falsch sein, sich an sie zu halten, da in Baumnähe prinzipiell (!) Blitzgefahr besteht. Weshalb wir Schutz vor Gewittern auch niemals unter Buchen suchen sollten.

In vielen Ländern heimisch

Mit einer weiteren Legende gilt es aufzuräumen: Die meisten jener Eichen, die landauf, landab als 1000-jährig ausgegeben werden, blicken in Wahrheit auf nicht einmal halb so viele Jahre zurück. Außerdem ist vielen Laien unbekannt, dass die weltweit rund 800 Eichenarten keine eigenständige Familie bilden, sondern zur großen Gemeinschaft der Buchengewächse (Fagaceae) zählen. Oder dass die viel besungene und viel bedichtete „Deutsche" Eiche „der" nationale Baum weder war noch ist. Seit jeher geht ihr Verbreitungsgebiet weit über heimatliche Grenzen hinaus.

Gut ist auch das zu wissen: Lediglich von 5500 bis 2500 v. Chr. gaben Eichen pflanzensoziologisch den Ton an, weshalb Paläo (Vorgeschichts)botaniker unserer Tage für die genannte Epoche zwar die Bezeichnung Eichmischwaldzeit erfanden, aber auch betonen, dass wir uns seit deren Ausklang klimatisch in einer Buchenära befinden. Das heißt: Würden alle seit dem Mittelalter gerodeten und kultivierten Flächen der Natur zurückgegeben, wären sie bald erneut weitgehend von Wäldern überzogen, in denen Buchen dominieren.

Zwei Eichenarten, wie anfangs angedeutet, besiedeln Mitteleuropa hauptsächlich. Mancherorts treten sie gemeinsam auf. Doch wagt sich die Stieleiche sowohl weiter nach Süden als auch weiter nach Osten vor als die Traubeneiche. Stieleichen (deren Früchte an langen Stielen sitzen) haben eine Vorliebe für nährstoffreiche Auegebiete großer Flüsse und bodenfeuchte Ebenen; Traubeneichen (mit traubenartig angeordneten Eicheln) sind weniger anspruchsvoll und kommen auch in nicht zu winterkalten Mittelgebirgslagen noch gut zurecht. Lichtbedürftig sind beide! Raumgreifend prachtvoll können sich demzufolge nur konkurrenzlos glückliche Individuen entwickeln.

Bis zu 700 Jahre alte Zeitzeugen

Rückt man Eichen nicht vorzeitig – im Alter von zirka 150 Jahren – mit der Motorsäge auf den Leib und/oder bleiben sie weitestgehend von ungünstigen Umwelteinflüssen verschont, können sie ein Alter von etwa 700 Jahren erreichen. (Man stelle sich einen Minnesänger vor, der unter einem heute noch nahe einer mittelalterlichen Burgruine existierenden Uraltexemplar zu Lautenbegleitung sein Liedchen trällert.)

Rasch wachsen Eichen nur in ihrer Jugend, und gelingt es einer, besonders hoch hinaus zu kommen, misst sie am Ende vom Wipfel bis zur Wurzelspitze gut und gerne vierzig Meter. Von außerordentlicher Standfestigkeit sind sowohl Stiel- als auch Traubeneichen: Von zuerst gebildeten Pfahlwurzeln gehen, je höher der Baum hinauswächst desto mehr, stabilisierende Seitenverzweigungen aus. Während Menschen um die 80 Jahre ihre physiologische Blütezeit längst hinter sich haben, stehen Eichen mit entsprechend hoher Zahl an Jahresringen erst in, wortwörtlich, voller Blüte.

Essbar, haltbar und belastbar

Der Name Eiche leitet sich vom Lateinischen „esca" für Speise ab. Als Hausschweine noch Freilauf in „Hute"wäldern hatten und sich dort mit Eicheln Winterspeck anfressen durften, traf der Hinweis auf Eichen als Nahrungsmittel zu. Nach wie vor sprechen Forstleute von „Vollmast", wenn Eichen alle paar Jahre besonders viele Früchte tragen. Auch Wildtieren sind Eicheln als Nahrung hochwillkommen. Nicht eigentlich munden sie uns Menschen. Nur in Notzeiten genießbar war, bekanntlich, ein „Kaffee", dessen Ausgangsmaterial aus gemahlenen Eicheln bestand. Mit dem generell für Eichen typischen hohen Anteil an Gerbstoffen (wichtig für die Lederverarbeitung ist derjenige der Eichenrinde) ist auch zu erklären, dass Humusproduzenten wie Würmer, Pilze, Bakterien ... an Eichenblättern vergleichsweise lange zu knabbern haben.

Apropos Widerstandskraft: Eichenholz ist extrem belastbar und nutzt sich aufgrund stabiler chemischer Verbindungen in nur sehr geringem Maße ab; unter Wasser ist seine Haltbarkeit sogar nahezu unbegrenzt. Brücken sowie Städte wie Venedig und Amsterdam lasten auf Eichenholzpfählen; Eichen liefern den Rohstoff für Kinderspielgeräte, Deckenbalken und Eisenbahnschwellen; Treppen, Parkettbeläge, Tische, Bänke, Schränke entstehen aus ihnen ... Und auch das sei, letztendlich, nicht verschwiegen: Zumeist ist es Holz von Eichen, das uns noch in unserer letzten irdischen Wohnstatt umgibt.

Brigitte Roßbeck


Stand:01.06.2003


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